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Leseprobe zu "Mr Feel und Mr Real"

Meine Nachbarn.

Typische Kleinfamilie. Vater, Mutter und Tochter.

 

Der Vater arbeitet den ganzen Tag. Er ist so ein Bürohengst. Verlässt frühmorgens im pikfeinen Anzug das Haus. Jeden Morgen in einem anderen. Jeden Morgen ein andersfarbiges Hemd. Und jeden Morgen eine andersfarbige Krawatte. Aber immer elegant aufeinander abgestimmt. Den Aktenkoffer in der rechten Hand, läuft er mit steifen aber schnellen Schritten auf die Garage zu. Kurz darauf düst er mit seinem Porsche davon. Ein Schwarzer. Sie haben auch so eine Familienkutsche, aber damit fährt der Vater nicht zur Arbeit.

Wenn er abends wieder nach Hause kommt, ist er meistens müde und will seine Ruhe haben. Einmal ist seine Tochter glückselig jauchzend auf ihn zugerannt. Er war gerade aus dem Porsche gestiegen und hat das Gesicht wie unter Schmerzen verzogen. „Nicht so laut!“, forderte er. Die Tochter verstummte und umarmte sein Bein. Da lächelte er, bückte sich und umarmte sie.

 

Die Mutter ist sehr still. Attraktiv. Aber schüchtern. Müsste sie gar nicht sein. Wenn man sie grüßt, grüßt sie zurück. Aber sie senkt den Blick, flüchtet, oder beschäftigt sich intensiv mit irgendetwas. Damit sie nur kein Gespräch mit jemanden anfangen muss. Ich bekomme sie sowieso nur selten zu Gesicht. Obwohl sie den ganzen Tag daheim ist. Lediglich abends kommt sie zum Blumengießen aus dem Haus. Jeden Tag.

 

Die Tochter. Die Einzige, die ich regelmäßig zu Gesicht bekomme. Die Einzige die ab und zu mit mir kommuniziert. Obwohl sie auch nicht gerade aufgeschlossen ist. Sie ist noch klein. Vielleicht fünf Jahre alt. Die strohblonden Haare hängen immer offen auf  ihre Schultern. Die Mutter macht ihr keine Zöpfe und bindet ihr keine Schleifen ins Haar. Obwohl sie den ganzen Tag zu Hause ist. Bestimmt liebt die Mutter offenes Haar. Das Mädchen kommt regelmäßig in den Garten. Dann schaukelt sie, fährt in ihrem Elektroauto über den Rasen, den der Vater immer samstags vorbildlich stutzt, tritt gegen ihren gelben Ball oder spielt im Sandkasten. Der Sandkasten steht direkt am Gartenzaun. Er hat so ein Stoffdach, damit die Tochter nicht zu viel Sonne abbekommt. Wenn sie im Sand spielt, erzähle ich manchmal mit ihr.

Aber jetzt ist sie ja nicht mehr da.

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