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Protagonisteninterview zu Homali Sagina

“Hier ist die unterzeichnete Verschwiegenheitsvereinbarung. Wir werden das Interview erst veröffentlichen, wenn der Verdächtige hinter Schloss und Riegel sitzt. Legen wir los würde ich sagen!”

Schwungvoll setzte sich Daniel zu den drei ausgemergelten Sensationen an den Tisch. Dieses Interview würde um die Welt gehen. Und er durfte es führen. Die einzigartige Chance Geschichte zu schreiben. Und seine persönliche Chance zum gefragtesten Reporter der ganzen Welt zu werden. Er war etwas aufgeregt, aber durchaus motiviert. Daniel hatte sich gut vorbereitet. Er wusste, das er mit diesen drei Menschen sehr vorsichtig umgehen musste. Vor kurzer Zeit waren sie der leibhaftigen Hölle entkommen und vermutlich jeder auf seine Art traumatisiert. Sie boten tatsächlich keinen schönen Anblick: Zwei Männer und eine Frau. Ausgemergelte Gesichter, wächserne Haut, tiefe dunkle Ringe untermalten die freudlosen Augen. Schulterlange, rotgelockte Haare umrahmten das verhärmte Gesicht, des Mannes namens Till. Er war jedoch frisch rasiert und hatte sich offensichtlich um ein möglichst ansehnliches Äußeres bemüht. Die dunklen Haare des anderen Mannes hingen zwar nicht bis auf die Schultern, jedoch hatten sie vermutlich auch schon längere Zeit keinen Friseur mehr gesehen. Das musste Michael sein. Die Frau namens Linda, war wahrscheinlich schwanger. Ihr leicht vorgewölbter Bauch passte nicht zu dem sonst so knochigen Körper. Ihre Haare waren blond, zottelig und seltsamerweise kürzer als die Haare der Männer.

Daniel schaltete sein Diktiergerät an, klappte sein Notebook auf, holte tief Luft und ergriff das Wort: “Hallo Linda, Michael und Till. Sie wurden vor wenigen Wochen aus einem abgestürzten Raumschiff geborgen. Mit diesem Raumschiff sind Sie zu dritt von dem Planeten Homali Sagina geflüchtet, wo sie mit mehreren tausend Menschen zusammen  in Käfigen lebten und einer hoch entwickelten Spezies zur Gewinnung von Nahrung und Kleidung dienten. Grob gesagt wurden sie wie Mastvieh eingepfercht und die sogenannten Cerausien haben Sie Ihrer Haare, Milch, Haut und Ihres Fleisches beraubt.”

“Unsere Haut und unser Fleisch haben wir noch, sonst würden wir hier wahrscheinlich nicht sitzen.”, knurrte Till.

Schlechter Anfang. Till war deutlich anzusehen, dass ihm das Interview jetzt schon missfiel.

Daniel versuchte die Situation schnell zu klären: “Entschuldigen Sie, ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Andere Menschen wurden geschlachtet. Und gehäutet. Zur Gewinnung von Leder nicht wahr?”

“Ja.”, lautete die kurze Antwort des Rothaarigen.

“Linda. Hat man Ihnen die Haare gerupft? Sie sind so kurz.”, wandte sich Daniel an die Frau und hoffte auf etwas mehr Gesprächigkeit ihrerseits.

“Ja. Tun Sie mir den Gefallen und fragen Sie uns nicht über diese Abartigkeiten aus. Wir sind momentan ganz froh, es nicht mehr jeden Tag sehen und am eigenen Leib erfahren zu müssen.”, bat Linda und sah aus, als befände sie sich am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Daniel schluckte und fing an zu schwitzen.

“Michael, was glauben Sie, wieso die Cerausien gerade Sie entführt und auf Homali Sagina verschleppt haben?”, wandte er sich nun an den Dritten im Bunde und hielt die Luft an.

“Bei mir war es Zufall, denke ich. Ich bin noch im besten Alter für … ähm, die Zwecke der Cerausien. Und ich war im falschen Moment alleine am falschen Ort.”

Erleichtert atmete Daniel aus. Die erste nicht-abweisende Antwort.

Er stellte die nächste Frage: “Wie viele wart ihr am Anfang? Also hattet ihr noch Freunde oder Bekannte, die den Cerausien zum Opfer fielen?”

“Ich weiß nicht wie viele Menschen sie insgesamt dort oben eingepfercht haben. Unser Käfigtrakt war ja nicht der einzige. Von den Menschen, mit denen ich mich dort am meisten unterhalten habe, sind leider nicht mehr viele übrig. Meine Mutter, Monika …”, Linda schluchzte. “Und noch einige mehr. Tut mir Leid, ich kann nicht darüber sprechen.”

“Wie viele Personen glaubt ihr, sind noch auf Homali Sagina am Leben?”

Bei dieser Frage meldete sich Till wieder zu Wort: “Mehr als genug. Die Cerausien sorgen schon dafür, dass der Nachschub nie abreißt.”

“Könnten Sie das genauer erläutern?”

“Die Frauen müssen ständig Babys bekommen. Notfalls kommen sie auf die Erde und besorgen sich Frischfleisch.”

Daniel schluckte und entgegnete: “Jetzt, wo wir darüber Bescheid wissen, wird das nicht mehr so einfach möglich sein, schätze ich.”

“Da schätzen sie leider falsch.”, brummte Till.

Daniel seufzte und wechselte das Thema: “Gab es so was wie einen Tagesablauf?”

Zu seiner Erleichterung antwortete Michael: “Jeder Tag war gleich. Morgens und abends gab es Essen. Auch immer das gleiche. Tagsüber durften wir aus den Käfigen und bauten in Steinbrüchen besondere Steine für die Cerausien ab. Eine Beschäftigungsmaßnahme, damit wir nicht völlig durchdrehen. Die meiste Zeit verbrachten wir in den Käfigen in unserem eigenen Unrat. Nachts war es eiskalt.”

“Was habt ihr zu Essen bekommen?”, fragte Daniel und wandte sich absichtlich direkt an Michael.

“Einen Brei. Er war geschmacklich ganz ok. Nur war es eben auf die Dauer etwas eintönig. Zu trinken gab es Wasser. Rosa Wasser. Das Wasser war dort tatsächlich rosa. Und sehr erfrischend.”, antwortete Michael, wobei ihm eine leichte Begeisterung für das Wasser anzumerken war.

“Offenbar hattet ihr in all dem Grauen auch positive Erlebnisse.”, stellte Daniel amüsiert fest und versuchte mit einem strahlenden Gesicht bessere Stimmung zu verbreiten.

“Sicher. Es ist nie alles völlig schwarz oder weiß. So ist das Leben.”, antwortete Michael und zwinkerte Linda verschwörerisch zu.

“Welches Erlebnis war für euch das Schlimmste?”, wagte sich Daniel zu fragen.

“Das ist schwer zu sagen.”, meldete sich nun erstaunlicherweise Linda zu Wort. “Es sind so viele schreckliche und unendlich grausame Dinge passiert. Da verschwimmt irgendwann alles zu einem nicht enden wollenden Alptraum und man weiß selbst nicht mehr, was genau einen alles fertig macht.”

“Wieso gab es eigentlich keinen Massenaufstand?”

“Hier und da wehrten sich die Menschen. Aber jeder geringste Widerstand wurde sofort im Keim erstickt. Was soll man auch ausrichten gegen Kreaturen, die einen sofort lähmen, wenn man etwas macht, was ihnen nicht passt. Sie können dir Schmerzen zufügen, ohne dich zu berühren. Im schlimmsten Fall, wurden die Übeltäter an Ort und Stelle geschlachtet. Kam immer wieder mal vor. Da überlegt man es sich drei mal, ob man aufmuckt.”, erklärte Michael.

Daniel freute sich. Das Interview nahm nach einem holprigen Start jetzt doch an Fahrt auf.

“Wie sahen die Aliens genau aus?”, fragte er.

Linda antwortete: “Orange. Sie trugen meistens blaue Umhänge. Sie hatten keine Beine und schwebten wie Gespenster durch die Gegend. Ihre Hände, nein Flossen, steckten meistens im Körper und wurden ausgefahren, wenn sie gebraucht wurden. Statt Nase und Mund hatten sie eine Art Partyluftrüssel im Gesicht. Und am Kopf hingen ganz viele Tentakeln, mit denen sie auch greifen konnten. Und sie sahen aus, als wären sie aus Knete oder Wachs.”

“Was unsere Leser vermutlich am Meisten interessiert ist, wie konntet ihr entkommen?”

“Wir hatten einen Schlüssel für die Raumschiffe. Während der Arbeit im Steinbruch sind wir durch ein geheimes Tunnelsystem entkommen.”, antwortete Till, der sich bisher vornehm zurückgehalten hatte.

“Hattet ihr einen Plan?”

“Ich würde sagen, es hat sich so nach und nach ergeben, da es uns lange Zeit für komplett unmöglich erschien zu entkommen. Wir haben natürlich den groben Ablauf geplant. Und es gab einige Dinge vorzubereiten.”

“Was zum Beispiel?”

Sie waren vermutlich bei einem Thema angekommen, welches Till etwas mehr behagte, denn er antwortete erneut: “Wir mussten einem Cerausi einen Schlüssel abnehmen. Wir mussten überprüfen, ob der Schlüssel überhaupt ein Raumschiff öffnen kann … Sie müssen wissen, die Schlüssel der Cerausien sind etwas anders als unsere Schlüssel. Wesentlich fortschrittlicher. Und wir mussten den Schlüssel sicher vor den Cerausien verstecken.”

“Wie haben Sie das angestellt?”

“Oh nein, bitte nicht!”, rief Linda mit einem Gesicht, als müsse sie sich gleich übergeben. Till grinste das erste mal während des gesamten Interviews und Michael wirkte auch nicht besonders erfreut über diese Frage.

Schnell stellte Daniel seine nächste Frage: “Musstet ihr bei eurer Flucht Freunde oder Verwandte zurücklassen?”

Dummerweise sah Linda jetzt wieder so aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. Michael ergriff für sie das Wort: “Sie bekam dort eine Tochter. Nach wenigen Tagen wurde sie Linda weggenommen, damit die Cerausien ihre Milch stehlen können. Wir fanden leider keine Möglichkeit, die Kleine mitzubringen.”

“Das tut mir sehr Leid.”, Daniel fühlte sich irgendwie miserabel. Er versuchte es wieder mit einem Themawechsel: “Till, sie wurden nicht von den Aliens entführt. Wie kamen sie nach Homali Sagina?”

Tills Gesicht wurde zuerst aschfahl und dann wütend. Er knurrte: “Diese Frage nehmen Sie nicht mit ins Interview. Auch meine Antwort nicht. Löschen Sie alles.”

Die Stimmung war wieder an einem Tiefpunkt angelangt. Daniel versuchte das Interview möglichst positiv zu einem Ende zu führen: “Wird sich euer Leben, jetzt wo ihr wieder auf der Erde seid, verändern?”

Michael antwortete: “Auf jeden Fall. Nach diesen Erlebnissen kann man gar nicht mehr richtig an sein vorheriges Leben anknüpfen. Die für alle Leute am deutlichsten spürbare Veränderung ist vermutlich, dass wir kein Fleisch und keine tierischen Produkte mehr konsumieren werden. Niemals mehr! Denn das was wir hier unten mit den Nutztieren veranstalten ist im Prinzip genau das Gleiche was mit den  Menschen auf Homali Sagina geschieht.”

“Nun gut. Ich danke Ihnen für dieses … ähm außergewöhnliche Interview und wünsche Ihnen, dass Sie jetzt ein Leben ohne die ständige Angst vor Entbehrungen, Schmerzen und dem Tod in Freiheit genießen können.”

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